Interview: DRB-Vizepräsident Günter Maienschein



Ringen / Präsidium und Referate des Deutschen Ringer- Bundes trafen sich in Zeulenroda
Zeulenroda – Das See-Hotel in Zeulenroda war am vergangenen Wochenende das Mekka des Ringkampfsportes, denn dort tagte das Präsidium des Deutschen Ringer- Bundes, sowie dessen Referate.

Unmittelbar nach den Weltmeisterschaften im September, in Istanbul (Türkei), fand bereits die Tagung der Bundestrainer in Würzburg statt, nun waren es fast 100 Funktionäre, die zusammen kamen, um über den weiteren Weg des Ringkampfsportes in den einzelnen Referaten zu beraten.

„Die Idee, diese Gesamtkonferenz in Zeulenroda stattfinden zu lassen beruht auf der langjährigen, guten Partnerschaft mit der Firma Bauerfeind, die hier ansässig ist“, begründet Karl Martin Dittmann die Wahl des Konferenzortes.

Bereits am Freitagabend trafen sich im See-Hotel die einzelnen Referate zu Beratungen, am Samstagabend münden die Gespräche in eine große Konferenz aller Funktionäre.

Am Rande der Beratungen sprach  Jörg Richter mit DRB-Vizepräsident Günter Maienschein.

Die WM in Istanbul ist Geschichte, wieder waren es für die deutschen Ringer medaillenlose Titelkämpfe, wie fällt die Einschätzung des DRB-Präsidiums aus ?

Günter Maienschein; "Natürlich  sind wir enttäuscht, keine Frage. Aber wir resignieren nicht. Wir sind nicht blauäugig nach Istanbul gefahren, wußten um die Schwere der Aufgabe. Wir haben auf der anderen Seite aber auch gesehen, dass wir in der einen oder anderen Gewichtsklasse auf Augenhöhe mit der Weltklasse sind. Letztendlich hatte in dem einen oder anderen Fall auch das notwendige Glück gefehlt. Das Glück muß aber manchmal auch erzwungen werden und das hat vielleicht hier und da gefehlt. Wir haben das Ziel von 3-4 Startern in  beiden Stilarten bei den  Männern nach wie vor im Auge. Bei den Frauen hoffen wir auf 2 Starterinnen".

Gleich nach den Weltmeisterschaften fand die Tagung der Bundestrainer in Würzburg statt, gab es Konsequenzen ?

Günter Maienschein; "Konsequenzen in Form von Trainerentlassungen, wie von einigen erwartet, sind unserer Meinung nicht der richtige Weg. Wir haben das Abschneiden unsere Athleten in allen Stilarten- und dort in jeder Gewichtsklasse gemeinsam mit allen verantwortlichen Trainern analysiert und den physischen Zustand der Athleten ausgewertet. Und der war durchweg in Ordnung. Aber es wurde festgestellt, dass sehr oft die Kämpfe buchstäblich in der letzten Sekunde verloren wurden. Konzentrationsschwäche? Mangelnde Cleverness? Daran muss nun gearbeitet werden. Auch im taktischen Bereich wurden sicherlich Fehler gemacht, die es abzustellen gilt".

Dabei wurde doch das Umfeld der Athleten bereitet, die meisten können in der Bundeswehr, aber auch bei Polizei und Feuerwehr unter professionellen Bedingungen trainieren ?

Günter Maienschein; "Das stimmt. Doch das gemeinsame Trainieren ist das eine, die persönliche Entwicklung das Andere. Wir leben in einer anderen Gesellschaftsform als manch einer unserer östlichen Nachbarn, entwickeln uns nicht im Kollektiv. Wir brauchen persönliche Freiräume, brauchen die Luft zum atmen. Wir müssen hier individuell auf den Athleten, auf die Athletinnen eingehen und deren gewohntes Umfeld und die damit verbundenen Umstände miteinbeziehen. Zusammengefasst: Konzentration ja- doch mit dem nötigen Augenmaß".

Der gravierende Unterschied von Amateuren und den sogenannten Profis aus dem Osten fällt also weg, nun führen die Bundestrainer die finanzielle Absicherung nach der sportlichen Laufbahn an, kann man das so als grvierenden Unterschied für sportliche Leistungen gelten lassen ?

Günter Maienschein; "Unsere Spitzenathleten benötigen genau soviel Talent und Ehrgeiz wie ein Fußballspieler in der Bundesliga. Der Unterschied: Die Ballsportler haben nach Beendigung ihrer sportlichen Laufbahn in aller Regel ausgesorgt. Wir Ringer leben von der Hand in den Mund. Unsere Athleten müssen sich selbst absichern, einen schmalen Weg neben dem Sport her gehen und nach dem Sport muß dieser Weg breit genug sein, um zu Überleben. Eine Karriere neben der Karriere sozusagen. Das ist nicht einfach, zumal der Verband hier auch nur sehr bedingt helfen kann".

Wie sind die unterschiedlichen Leistungen zwischen Nachwuchs (20 internationale Meisterschaftsmedaillen 2011) und dem Männer/Frauenbereich (2 internationale Meisterschaftsmedaillen 2011) zu erklären ?

Günter Maienschein; "Im Nachwuchs können wir deshalb "mithalten" weil im Grunde genommen alle Nationen auf einem "Level" sind. Hier die Schule, sprich morgens wird gelernt und am Abend geht es in die Sporthalle. Hier leisten auch die Vereine und die Landesorganisationen gemeinsam mit den Stützpunkten gute Arbeit. Nach Beendigung der Schule wird das alles etwas schwieriger. Oftmals fehlt die "führende Hand". Und sehr oft merkt  man dann schnell, dass es noch ein Leben außerhalb der Ringermatte gibt".

Wie geht es weiter ? 2007 die letzte WM-Medaille bei den Frauen, 2005 bei den Griechisch-Römisch-Spezialisten, 1999 bei den Freistilringern, schaffen es die deutschen Ringer überhaupt wieder in die Weltspitze ?

Günter Maienschein; "Unsere Athleten sind nicht weniger talentiert als die Ringer aus dem östlichen Europa. Doch Deutschland ist keine Ringernation. Manch ein für das Ringen durchaus talentierter junger Mensch spielt lieber auf niedrigem Niveau Fußball, doch uns gehen nicht alle Talente verloren. Wir müssen den Spagat zwischen Jugend- und Erwachsenenringen hinbekommen. Beim Überführen in den Männer- und den Frauenbereich gilt es den Hebel anzusetzen".

Die Wege von Sportdirektor Detlef Schmengler und des DRB haben sich vor einigen Monaten getrennt, die Bewerbungsfrist ist abgelaufen, gibt es schon Namen-, oder ein Datum, ab wann ein neuer Sportdirektor die Tätigkeit aufnehmen könnte ?

Günter Maienschein; "Die Bewerbungsfrist ist soeben abgelaufen. Wir  sind momentan dabei die Unterlagen zu sichten".

Spannen wir den Bogen hin zur Bundesliga, die als stärkste Ringerliga der Welt angesehen ist, hilft die Bundesliga dem deutschen Ringkampfsport weiter, oder ist sie eher hinderlich für die Leistungsentwicklung der deutschen Athleten ?

Günter Maienschein; " Die Bundesliga ist nicht hinderlich für die Leistungsentwicklung, danz im Gegenteil. Wo gibt es bessere Trainingspartner als hier? Sich messen im Wettkampf- das war noch nie schlecht. Allerdings und das ist der Knackpunkt, den Saisonhöhepunkt brauchen die Athleten aber nicht während der Runde zu haben, die bekanntlich unmittelbar vor der WM beginnt".

Auf der einen Seite gibt es viele positive Bestrebungen im deutschen Ringkampfsport, auf der anderen wird auch viel geschimpft und gemäkelt, was muss sich generell ändern ?

Günter Maienschein; "Die "Besserwisser" gibt es in jeder Sportart, damit muß man leben und das tun wir. Wir müssen unsere Arbeit insofern verbessern und weiterentwickeln, doch das geht nur gemeinsam".



Bild: Bei den Weltmeisterschaften in Istanbul gelang es nur
Frank Stäbler (66 kg/TSV Musberg- rotes Trikot), ein Olympiaticket
für London 2012 mit dem 5. Platz seiner Gewichtsklasse zu ergattern.
Alle anderen deutschen Ringerinnen und Ringer müssen nun
durch die 'Qualifikationsmühle'. Foto: J. Richter